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Die Legende von den drei Knaben im Salzfass
Als Bischof Nikolaus vom byzantinischen Kaiser die Einladung erhielt, am Konzil von Nikäa teilzunehmen, verschaffte er sich Pferde, damit er mit zwei Diakonen die lange Reise von 300 Meilen gut zurücklegen könne. Rechtzeitig brachen sie auf. Nachdem sie fünf Tage geritten waren, kamen drei Frauen auf sie zu und baten, Nikolaus möge ihnen helfen, ihre kleinen Söhne wiederzufinden, die spurlos im Walde verschwunden waren. Zusammen zogen sie die Straße entlang in den Wald hinein, immer wieder riefen die Mütter die Namen der Kinder: „Timotheus, Markus, Johannes.“ Vergebens! Schließlich gelangten sie völlig erschöpft bei einer Waldwirtschaft an. Sie gingen hinein und baten um Essen und Nachtquartier. Dann befragten sie den Wirt, ob er von den Knaben etwas gesehen oder gehört habe. Dieser schüttelte nur seinen Kopf, ging in die Küche und brachte nach einiger Zeit eine Schüssel mit dampfendem Salzfleisch. Der Heilige hob den Deckel, sprang im nächsten Augenblick auf und packte den Wirt bei der Gurgel. Dieser wollte freikommen und rang mit dem Bischof. Miteinander kämpfend kamen sie zur Türe, die unter dem Gewicht der Ringenden aufsprang, der Wirt stürzte die Treppe hinunter und blieb dort liegen. Eilends ging Nikolaus mit den Diakonen in die Küche. Dort standen drei Pökelfässer mit gesalzenem Fleisch. Der Heilige stellt sich davor und betete. Dann rief er beschwörend: „Im Namen Christi Timotheus, steh‘ auf, Markus, steh‘ auf, Johannes, steh‘ auf“. Da kletterte aus jedem Fass ein kleiner nackter Knabe. Überglücklich fielen sie ihren Müttern um den Hals. Nikolaus aber dankte Gott für seine Güte.
Die Legende von den drei armen Mädchen
Ein verarmter Edelmann zu Myra hatte nicht genug Vermögen, um seinen drei Töchtern eine Aussteuer zu besorgen. Ohne Heiratsgut wollte aber niemand eine Ehe mit ihnen eingehen. Die strengen Landessitten verboten jedoch, dass ein Edelfräulein durch Arbeit ihr Brot verdiente. So beschloss der unglückliche Vater, seine Töchter davon abzuhalten, dass sie allabendlich ihren Körper gegen Geldgeschenke den Männern der Stadt hingeben sollten, damit sie nicht zu verhungern brauchten. Als der Heilige das hörte, war er entsetzt und sann auf Abhilfe. Er nahm ein Säckchen voll Goldmünzen und warf es durch das offene Fenster in das Schlafzimmer der Mädchen. Am Morgen fand sich das Gold. Der freudig überraschte Vater gab es seiner ältesten Tochter als Heiratsgut. Nikolaus warf nun ein zweites Mal ein Geldsäckchen in das Haus, so dass auch die zweite Tochter ausgesteuert werden konnte. Nun beschloss der überglückliche Edelmann, jede Nacht zu wachen, um herauszufinden, wer ihm helfe. Als der Heilige ein drittes Säckchen mit Gold durch das Schlafzimmer war, hörte es der Vater. Er eilte aus dem Hause und lief Nikolaus nach. Als er ihn eingeholt hatte, warf er sich vor ihm auf die Knie und wollte die Füße küssen, doch der Heilige verwehrte es ihm und verbot ihm, solange er lebte, etwas davon zu erzählen.
Die Legende von der Errettung aus Seenot
Eine Reisegesellschaft zu Schiff geriet in einen Sturm. Jeden Augenblick glaubten die Reisenden, dass sie untergehen würden. Ein Schiffsjunge war schon vom Mastkorb heruntergestürzt und tot. Da riefen sie in ihrer Not den Heiligen an: „Nikolaus, wenn es wahr ist, was wir von dir gehört haben, so errette uns.“ Da erschien ihnen der heilige Bischof und sprach: „Ihr habt mich gerufen. Hier bin ich!“ Er half ihnen, die Segel aufzurichten und bald beruhigte sich auch das Meer, dann neigte der Heilige sich zu dem toten Knaben, machte das Kreuzzeichen über ihn und erweckte ihn wieder zum Leben. Danach war Nikolaus unsichtbar. Bald darauf landete das Schiff, und voller Dankbarkeit gingen die Seefahrer in die Bischofkirche zu Myra. Dort sahen sie den Heiligen, sie eilten zu ihm, fielen nieder und dankten ihm. Er aber antwortete: „Nicht ich, sondern euer Glaube und Gottes Gnade haben euch geholfen.“
Moderne Legende: Manchmal sprechen sie noch
Der Pfarrer hatte es gesagt. Aber an diesem Sonntag war vielerlei anzusagen. Deshalb ging die Nachricht ein wenig unter, daß er heimgekehrt war. Eigentlich schade, denn er war lange Zeit fort. Ein paar Jahre hatte man nichts mehr von ihm gehört. Aber nun hatte er seinen angestammten Platz wieder eingenommen. Als später nur noch wenige Menschen in der Kirche waren, ging ich zu ihm hinüber. Er stand dort, als ob er nie weggewesen wäre. Doch, etwas war schon anders: Sein Mantel leuchtete in einem frischen Rot, und die Borten glänzten wie neu vergoldet. "Gut, daß du wieder da bist”, sagte ich leise. "Tja, ich bin auch froh darüber.” Zuerst starrte ich die Holzfigur erschrocken an. Dann schaute ich mich mißtrauisch um. Wollte da einer einen Scherz mit mir treiben? Aber ich stand ganz allein, weit und breit kein Mensch. Gerade wollte ich schon über mich lachen, da hörte ich die Stimme wieder, ganz nah, ganz deutlich: "Weißt du, es ist in der Werkstatt bei dem Restaurator ziemlich langweilig. Da bin ich doch lieber hier in der Kirche.” "Ach, ja?” sagte ich zaghaft. "Es bleibt der eine oder andere bei mir stehen. Gelegentlich hat einer etwas auf dem Herzen, und ich überlege, wie ich helfen kann.” "Das Helfen”, sagte ich, "das ist ja deine Spezialität.” "Stimmt”, gab er zu. "Früher kamen oft Schiffer zu mir, Kaufleute auch. Aber das ist heute selten geworden. Nur die Kinder kennen mich noch gut und freuen sich auf meinen Tag.” Ich fragte ihn entschlossen: "Ich wollte eigentlich immer schon wissen, wie das damals in Myra gewesen ist.” "Ich war lange Bischof in Myra. Es gäbe viel zu erzählen. Was genau willst du wissen?” "Zum Beispiel das mit der Hungersnot. Als die Menschen in der Gegend von Myra wochenlang nichts zu beißen hatten.” "Das war tatsächlich schlimm. Heute kann man das kaum noch verständlich machen. Wer kennt hierzulande denn wirklich den Hunger? Den wütenden Schmerz zuerst, die Schreie nach Brot, die allmähliche Ermattung, den Hungerstod schließlich. Und genau so war es damals in Myra.” "Und dann kamen die Getreideschiffe, die für eine Nacht im Hafen ankern wollten”, sagte ich eifrig. "Du kennst dich ja gut aus.” Er lachte leise. "Aber es war so, wie du sagst. Die Schiffe waren auf der Durchfahrt nach Konstantinopel, sollten Getreide in die Kaiserstadt bringen. Der Kapitän wollte jedoch keinen einzigen Sack Korn an uns verkaufen. Er war ein Hasenfuß. Wenn etwas von meiner Ladung fehlt, sagte er, dann läßt mich der Kaiser ins Gefängnis werfen.” "Und das Wunder?” fragte ich neugierig. "Wie war das mit dem Wunder?” "Nun, das größte Wunder war, daß der Kapitän seine Angst überwand. Schließlich hat er erlaubt, daß einige Männer von uns an Bord kommen durften. Er zeigte ihnen die Kornsäcke, die sie in die Stadt schleppen durften. Es war ziemlich viel Korn, und es hat gereicht, bis endlich wieder Regen viel in unseren Gärten und auf den Feldern neue Nahrung wuchs.” "Und der Kapitän hat mir nichts, dir nichts seinen Sinn geändert?” "Nein, mein Lieber. Den Sinn ändern, das geht bei niemand leicht. Ich habe ihn in jener Nacht in Myra herumgeführt. Er hat die hungernden Menschen gesehen, hat das Elend gerochen, das Wimmern der Kinder gehört. Dann habe ich ihm von dem Jungen erzählt, damals, als Jesus mit den vielen tausend Menschen in der Steppe war. Kaum einer hatte etwas zu essen mitgenommen. Hunger hatten sie alle. Der Junge hätte ja seine Fladenbrote und die paar kleinen Fische, die er in seiner Tasche mit sich trug, für sich allein behalten können. Nein, als Jesus fragte, da hat er sie angeboten, wollte teilen. Das war auch ein Wunder. Aber als Jesus Brot und Fische gesegnet hatte, als alle davon gegessen hatten und satt geworden waren, als nach all dem noch zwölf Körbe voll übrig geblieben sind, ich glaube, da haben damals alle gespürt, wie wichtig das Teilen ist.” "Und der Kapitän?” "Dem ist die Nacht in Myra und auch die Geschichte vom Brotwunder an die Nieren gegangen. Er hat erkannt, wie steinhart er sein Herz gemacht hatte. Und, wie du sagst, er hat seinen Sinn geändert.” "Wirklich, ein Wunder”, gab ich zu. Aber dann fiel mir ein, was sonst noch erzählt wird und ich fragte weiter: "Man sagt, daß das Schiff nicht höher aus dem Wasser herausgestiegen ist, obwohl die Ladung doch leichter und leichter wurde, je mehr Säcke die Männer wegschleppten.” "Darüber haben in der Tat alle gestaunt. So viel Korn die Männer auch in die Stadt trugen, an der Ladung fehlte nichts, überhaupt nichts.” "Wie ist das denn zu verstehen?” fragte ich und konnte einen Zweifel nicht unterdrücken. Nikolaus schmunzelte. "Für mich war das, was ich mit dem Kapitän erlebt hatte, viel erstaunlicher. Aber die Leute erzählten sich bald eine Geschichte, die mit dem Schiff zu tun hatte. Sie sagten, die Männer von Myra seien schweren Herzens auf das Schiff gegangen. Als sie das Korn hinabtragen durften, seien ihre Sorgen und Nöte auf dem Schiff zurückgeblieben. Und diese hätten das fehlende Korn aufgewogen.” "Wirklich, eine erstaunliche Geschichte. Aber da ist doch auch noch die Rettung aus Seenot, die mit Nikolaus zu tun hat, und die Wiederbelebung der drei Schüler ...” Nikolaus lachte jetzt ganz vernehmlich. "Nicht alles an einem Tag, mein Lieber. Geschichten muß man bedenken. Komm an einem anderen Tag wieder.” Vielleicht hätte ich das Gespräch noch fortgesetzt. Aber da kam ein älterer Mann herbei und sagte vorwurfsvoll: "In der Kirche sollte man nicht so laut lachen!” Eigentlich wollte ich erwidern: "Warum denn nicht?” Aber dann wies ich mit dem Daumen auf die Nikolausfigur und sagte: "Der war's.” Der Mann schüttelte den Kopf und zeigte mir mit dem Finger einen Vogel. Wenn der wüßte! ˆ Willi Fährmann
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